29.Okt. 2011, OTZ Journal
Steffen Graupner steht in der Jenaer Galerie Stadtspeicher vor einer riesigen Russlangkarte. Noch bis 20. November ist hier die Ausstellung „Unerkannt durch Freundesland“ (UdF) zu sehen, die sich mit illegalen Reisen durchs Sowjetreich zu DDR-Zeiten beschäftigt. Steffen Graupner aus Jena sieht sich und seine Reisen in der Tradition dieser UdF-Bewegung.
Gezielt weist er auf die Gebirgszüge, auf die Gipfel und Regionen, die er während seiner Touren durch die Länder der ehemaligen UdSSR in den letzten Jahren bestiegen und erkundet hat. Der Pik Lenin im südlichen Pamir-Gebirge mit seinen 7134 Metern Höhe ist darunter, der Muztagh Ata mit 7564 Metern. Sein Finger wandert nach Afghanistan zum Wakhan-Korridor, jenem 350 Kilometer langen und 20 bis 80 Kilometer schmalen, knorrigen „Zeigefinger“ Afghanistans, der Richtung China weist. Und schließlich ganz in den Osten des Riesenreiches zur Halbinsel Tschukotka, umspült vom arktischen Ozean und dem Beringmeer. Hierhin zieht es ihn und seine Freundin derzeit am meisten, verrät der sympathische Jenenser: „Nach der vertikalen haben wir für uns nun die horizontale weiße Welt entdeckt.“ Extrem, gefährlich und beeindruckend schön bleibt beides.
Seine Liebe für die Berge haben wohl die Eltern entfacht, als sie den 17-Jährigen zur Wendezeit mit in die Alpen zum Bergwandern nahmen. Doch Steffen Graupner wollte bald höher hinaus und nahm sich den Mt. Blanc vor – mit 4810 Meter Höhe der höchste Gipfel der Alpen. Schon 1994 zog es ihn in die höheren Berge nach Nepal. „Ohne Träger und ohne Führer sind wir damals zu weit losgezogen. Das Land ist wunderschön, aber man lässt als Bergsteiger viel Geld für Genehmigungen dort, was die ganze Reise nicht nur schwierig, sondern auch teuer macht.“, erzählt der 38-Jährige. Mehrere tausend Dollar pro Person kosten Genehmigungen für die hohen Gipfel.
Auf der Suche nach anspruchsvollen, bezahlbaren und wenig überlaufenen Berggebieten erinnerte sich Steffen Graupner an die alten Bergbücher des Weimarer Autors Georg Renner über den Pamir, die er als Kind einst verschlang, und machte sich davon inspiriert 1996 selbst in das zentralasiatische Hochgebirge auf. Sein Ziel: Der Pik Lenin. „Alle Begleiter für dieses Vorhaben sind mir kurzfristig abhanden gekommen,“ erinnert er sich. In Kiew schließlich hatte er einen bergerfahrenen Freund eines Freundes empfohlen bekommen, der schon einige 7000er der Sowjetunion bestiegen hatte. Sechs Wochen dauerte die Reise der beiden, vier davon direkt am Berg. Mit 74 Kilogramm Körpergewicht ist der damals 23-Jährige aus Jena aufgebrochen – mit 58 Kilogramm kam er zurück. Den Pik Lenin hat er 1996 noch nicht bezwungen, aber Höhenluft geschnuppert, bei minus 20 Grad und bissigem Wind seine 30 Kilogramm Gepäck durch die weiße Weite geschleppt und sich geschworen, wiederzukommen. Im Jahr darauf schaffte er das Ziel. Später erklomm er zudem den Aconcagua, mit 6962 Metern der höchste Berg Südamerikas, und den Muztagh Ata – seinen bisher höchsten Gipfel.
„Alles fügt sich zu seiner Zeit“, sagt Steffen Graupner, der in Jena Physik und Geophysik studiert hat und derzeit seine Doktorarbeit schreibt. „Man muss nur den Mut haben, loszulaufen und darauf vertrauen, dass alles gut wird.“ Russland und seinen angrenzenden Regionen ist er als Bergsteiger treu geblieben. Er will ausbrechen aus seinem vollversicherten Leben. Die große Freiheit, das Abenteuer ist mittlerweile in unserer touristisch erschlossenen Welt kaum noch zu finden. Doch ähnlich wie die UdF-ler von damals sagt Steffen Graupner: „In Russland, da gibt es die Freiheit noch immer.“
Seit zehn Jahren führt er selbst auf Bergreisen Touristen in die Höhe. Allerdings, so bedauert er, habe sich auch in dieser Branche ein Leistungs- und Anspruchsdenken entwickelt, das der ursprünglichen Philosophie beim Bergsteigen oft entgegensteht. „Wenn du erkennen willst, wer dein Freund ist, geh’ mit ihm in die Berge“, zitiert Steffen Graupner eine Zeile aus einem Lied von Wladimir Wyssozki, die dem Bergsteiger, Fotografen, Reise-Journalisten, Vortragsreferenten, Bergführer und Geophysiker mittlerweile selbst zur Maxime geworden ist. In Russland ist die Kameradschaft und Freundschaft unter Bergsteigern noch eine andere, verrät der Jenenser. Sie teilen bedingungslos den letzten Tee, ihren letzten Sprit um Eis zu Wasser zu schmelzen, ihre selbstgemachte Ausrüstung.
Immer wieder packt den jungen Mann zwischen Diavorträgen, Artikeln in Fachzeitschriften und seiner Doktorarbeit in Jena das Fernweh. Dann zieht es ihn und seine Freundin, die Bergsteigerin Kathrin Münzel, die als Ärztin eine Zusatzausbildung zur Höhen- und Expeditionsmedizinerin absolviert hat, Richtung Osten. Vor drei Jahren starteten beide auf der Suche nach der Quelle des Grenzflusses Oxus in die eisgepanzerte Bergwildnis zwischen Pamir, Hindukusch und Karakorum. „Afghanistan?“ fragten die damals schon einiges gewöhnten, aber dennoch besorgten Eltern. Ja es musste sein, sagt Steffen Graupner und winkt ab: „Taliban sind in diesem schneebedeckten Gebirge nicht zu finden, in den Bergdörfern zwischen 2500 und 4300 Metern Höhe lebt unter äußerst harten Bedingungen sowieso nur die sehr liberale Glaubensgemeinschaft der Ismailiten.“
Mittlerweile zieht es ihn eher auf kleine unbekannte Berge, wo man allein und auf sich selbst gestellt ist. „Wir haben zwar ein Satellitentelefon dabei, aber bis Hilfe im Notfall eintrifft, können Tage vergehen. Deshalb geht man auf solchen Touren auch ein geringeres Risiko ein, als beispielsweise beim Bergsteigen in den Alpen.“ Afghanistan war schon ein Ausflug in die letzten unerschlossenen Gebiete der Erde, noch mehr im Jahr darauf die Reise Graupners auf die Halbinsel Tschukotka in der russischen Arktis, die ihn zu den Rentiernomaden führte – bei minus 43 Grad Celsius im April. Es ist seine wohl abenteuerlichsten Expedition. 50000 Ureinwohner und dreimal so viele Rentiere leben in Tschukotka unter extremsten arktischen Verhältnissen auf einer Fläche so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen. Nur von Juli bis Oktober sind überhaupt die Häfen eisfrei, um Waren einzuführen. Zu Sowjetzeiten war Tschukotka aufgrund der Nähe zu Alaska Sperrgebiet und sogar noch bis 2008 war Ausländern und den meisten Russen die Einreise in die autonome Region verboten. Ein weißes, nahezu ursprüngliches Land – und Steffen Graupner war einer der ersten Westeuropäer, die es betreten und die Rentiernomaden kennenlernen durften.
Das Fernweh blitzt wieder durch, wenn er von Tschukotka spricht. Und es ist ansteckend. Am Mittwoch, 16. November, wird Steffen Graupner ab 19.30Uhr in der Jenaer Galerie Stadtspeicher in einem Vortrag die wunderbare Gegend am Nordpazifik und seine beeindruckenden Bewohner vorstellen, und am Sonntag, 26. Februar 2012, im Döbereinerhörsaal die Bergwelt des afghanischen Hindukuschs. Für die vielen von uns, die wahrscheinlich niemals in ihrem Leben solche Reisen unternehmen werden.
OTZ Journal Nr. 43/11
Beilage vom 29. Okt. 2011-11-02
Text: Ulrike Kern