OTZ, 14.Oktober 2011
Von Ulrike Kern
Jena. Seit gestern lockt die Galerie Stadtspeicher in Jena mit einem neuen, spannenden Ausstellungsprojekt in ihren Räumlichkeiten am Markt16.
Mit ihrer Schau „Unerkannt durch Freundesland“ würden die Erlebnisse und Erfahrungen auch vieler Menschen in Mitteldeutschland thematisiert, wie die Berliner Kuratorin, Cornelia Klauss bei einem Pressegespräch in der Ausstellung versicherte. Denn gerade hier lebten und leben viele Tüftler. Seit 2003 hat sie zum Thema recherchiert, 2006 einen Dokumentationsfilm beim RBB herausgebracht, 2010 diese Wanderausstellung konzipiert und ein gleichnamiges Buch dazu veröffentlicht.
Wer dem DDR-Alltag entfliehen wollte, anderen Landschaften, Kulturen, Menschen begegnen wollte, dem stand die Welt gerade einmal mit fünf Ländern offen: Die sozialistischen Bruderländer Polen, CSSR, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Der große Bruder, die Sowjetunion, das Riesenreich mit seinen elf Zeit- und sämtlichen Klimazonen, das Mutterland des Kommunismus, von dem täglich im Schulunterricht zu hören war und dessen Sprache erlernt werden musste, war ein Spezialfall. „Es gab in der Sowjetunion kontrollierte Gruppenreisen oder Reisen entlang einer festgelegten Route, auf denen man sich auch rechtzeitig im Hotel anzumelden hatte. Und es gab natürlich den Studentenaustausch und Wirtschaftsreisen. Aber es gab keine Rucksack- und Individualtouristen“, erklärt Cornelia Krauss.
Doch die Abenteuerlust und die Suche nach dem Fremden machte die DDR-Bürger einfallsreich. Von den 70er Jahren bis zum Fall der Mauer nutzten Tausende, zumeist junge Leute ein bürokratisches Schlupfloch, um sich doch noch ihren Traum vom Abenteuer zu erfüllen, um die gigantische Hochgebirge der Sowjetunion ebenso zu bereisen wie die exotischen mittelasiatischen Republiken.
Wer der erste war, der sich dieses Schlupfloch zunutze machte, steht nicht fest, doch der 1937 in Zeulenroda geborene Pfarrer Gernot Friedrich war 1968 zweifellos einer der Pioniere. Man benötigte lediglich ein Transitvisum, das erlaubte, sich zur Weiterreise nach Rumänien für zwei bis drei Tage auch in der Sowjetunion aufzuhalten. So kam, wer wollte, legal ins Land hinein, doch der Aufenthalt war letztlich illegal. Das Wissen darum wurde in bestimmten Kreisen weitergegeben, und es entwickelte sich die UdF-Bewegung (Unerkannt durch Freundesland). Es gab etliche DDR-Bürger, die so wochenlang zu Fuß, per Anhalter, Rad oder mit selbstgebauter Ausrüstung durch Gegenden jenseits der Touristenpfade reisten, immer mit dem Fotoapparat und der Kamera im Gepäck.
Auf diesem dokumentarischen Material, bislang unveröffentlichten Fotografien, Schmalfilmen aus den 70er und 80er Jahren und ausführlichen Zeitzeugeninterviews baut die Ausstellung von Cornelia Klauss auf.
Hinter jedem Bild steckt eine Geschichte, eine Abenteuerreise ohne gültige Papiere, ein Risiko. „Diese Reisen fanden vor dem Hintergrund großer politischer Umwälzungen statt und jeder Rucksacktourist stand unter Generalverdacht, ein Spion zu sein. Da war die Sowjetunion recht paranoid“, so die Kuratorin. Doch meist sind alle „Illegalen“ mit einem blauen Auge und ein paar Rubeln Verwarngeld davongekommen, weiß Klauss zu berichten.
Ulrich Henrici, Jahrgang 1941 und 19 Mal illegal zu großen Bruder gereist, ist dem KGB noch heute dankbar, dass er sein Filmmaterial aus 5000 Meter Höhe rettete. Hartmut Beil, Jahrgang 1959, dagegen, wurde schon bei seiner Einreise beklaut und schlug sich mit drei Rubeln in der Tasche bis zur Krim durch. Jan Oelkner, Uwe Wirthwein und Edgar Winkler berichten beispielsweise von ihrer abenteuerlichen Tour mit einem selbstgebauten Katamaran auf dem Aldan in Sibirien. Auf einer großen Karte sind – um die Dimensionen besser zu begreifen – die verschiedenen Reiserouten eingezeichnet.
Die Ausstellung wird von zwei Veranstaltungen begleitet: Am 09.11.2011 findet eine Lesung mit Uwe Wirthwein, Cornelia Klauss und Frank Böttcher statt. Am 16.11.2011 hält der Jenaer Russland-Reisende Steffen Graupner einen Vortrag- Auch der 45-minütige Dokumentarfilm kann angesehen werden.